Architektur- und Bausünden, eine nicht repräsentative Auswahl
Hier ist sie, die Hitparade grosser Architektur- und Bausünden bei Schweizer Wohnbauten. Erkennen Sie Ihr Haus wieder? Kein Problem, Sie befinden sich in bester Gesellschaft! Mit Schalk und nicht immer ganz ernst gemeint, soll dieser Beitrag Eigentümer, Bauherren, Planer und Architekten zu Überlegungen anregen, wie wir mit den knappen Ressourcen Bauland und Raum umgehen.
Rang 18 – das idyllische 08/15 Haus

Baujahr 2009
Idyllisch, grosszügig und einzigartig, so wird das typische freistehende Standardhaus – des Schweizers liebstes Kind – angepriesen. Auf den ersten Blick nett und eher unscheinbar. Und doch ist dieses Haus heimtückisch, treffen wir es doch tausendfach an, in der Stadt, auf dem Land. Befinden wir uns ausnahmsweise in einem Quartier mit avantgardistischen Kunstwerken und schauen um die Ecke, lacht uns dieser Vertreter des immergleichen Einfamilienhauses auch dort entgegen. Täglich grüsst das Murmeltier.
Rang 17 – das oktogonale Mehrfamilienhaus

Baujahr 1993
Dieses biedere Mehrfamilienhaus – hier in oktogonaler Bauform – hat seine Wurzeln in der christlich sakralen Architektur. Gerne mit Giebeldach und möglichst vielen Lukarnen. Rechte Winkel gilt es zu vermeiden, die Hauskanten um 45 Grad gebrochen und bei der Gestaltung von Balkonen lässt der Architekt seiner Fantasie freien Lauf. Drei-, fünf-, sechs- oder eben achteckig. Genau wie wir es lieben!
Rang 16 – Landhaus mit Bermudadreieck

Baujahr 1988
Nicht nur die Farbe altrosa lässt unsere Herzen höher schlagen, auch die formvollendete Dachform und der Anbau des Wintergartens sind Meisterstücke progressiver Architektur. Unsere besondere Beachtung verdient der Balkon in seiner kühnen Dreieckform. Klar ist: neuere Häuser in altrosa gehen fast immer einher mit einer durchdachten, zeitlosen architektonischen Gestaltung. Fortsetzung in altrosa folgt.
Rang 15 – die wilden siebziger Jahre

Baujahr 1975
Auch dieses Haus mit Eternitdach treffen wir tausendfach an, dem Bauboom der späten siebziger Jahre sei Dank. Bei diesem Objekt besticht die moderne Wandmalerei, oder ist es ein Graffiti im neuen Stil von Harald Nägeli, dem bekanntesten Sprayer aus Zürich?
Rang 14 – Landhaus mit Wintergarten

Baujahr 1992
Des Schweizer liebstens Kind ist das freistehende Haus, das zweitliebste Kind der angebaute Wintergarten. Am besten in heimeligem braun, passend zum Haus. Dieses wurde übrigens nicht etwa 1972 oder 1982 gebaut, wie die Erscheinung vermuten liesse, sondern im Jahr 1992.
Rang 13 – der Loft für Stilbewusste

Baujahr 2000
Unsere besten Architekten terrassieren gerne und oft, am liebsten im 6er oder 12er-Paket. Dann wird jeder Etage ein fein abgestimmter Pastellton verpasst und fertig ist die anspruchsvolle Überbauung. Diesen Rang gewinnt das Ich-weiss-nicht-was-es-ist-Haus in der Abteilung Kuriositäten. Originaltitel “Loft für Stilbewusste”. Da fragen wir gerne nach, wo genau ist der Loft und wo der Stil?
Rang 12 – Eternit mit pittoreskem Wintergarten

Baujahr 1974
Eternit war in den siebziger und achtziger Jahren eine äusserst beliebte Materialisierung für Dächer. Hier gefällt und ganz besonders, das das Eternitdach vertikal über die Fassade verlängert wurde. In Kombination mit dem bunten Wintergarten ein sicherer Wert in unserer Rangliste.
Rang 11 – voralpines Landhaus mit Doppelkrüppelwalmdach

Baujahr 2004
Dieses Landhaus hat im Nu unsere Herzen erobert. Ein schönes Beispiel dafür, dass voralpine Häuser nicht nur in den bündner Bergen, sondern auch in ländlichen Gegenden des Aargau beliebt sind. Anmutend wie aus dem Jahr 1704, überrascht das Baujahr 2004. Die Dachform wird im Fachjargon Krüppelwalmdach genannt. Dieses Haus hat mit dem Vordach sogar ein Doppel-Krüppelwalmdach. Wir finden, diese Bezeichnung hat seine Berechtigung.
Rang 10 – Holzhaus-Idylle

Baujahr 2009
Dieses Holzhaus besticht durch seine attraktive Giebelform in Verbindung mit dem Vordach. Der Innenausbau ist übrigens ebenso modern wir die äussere Erscheinung. Ob hier wirklich ein Architekt seine Hand im Spiel hatte, wissen wir nicht. Was wir aber wissen: Holz ist ein ausgezeichneter Brennstoff.
Rang 9 – gepflegtes Reihenhaus im Lieblingsfarbton

Baujahr 1989
Wir geben es zu, altrosa ist nicht unsere liebste Farbe, es sei denn bei Häusern die älter als hundert Jahre sind. Bei diesem gepflegten Reihenhaus haben uns gleichermassen die Giebelform, die Fensterflächen und der traumhafte Garten überzeugt. Da der Eigentümer konzeptbedingt nicht um sein Reihenhaus laufen kann, soll das auch der Nachbar nicht tun. Die dezente Einfriedung regelt das. Wann dürfen wir einziehen?
Rang 8 – Klassische Villa der Siebziger

Baujahr 1979
Diese klassiche Villa bietet alle Vorzüge der siebziger Jahre in sich vereint. Dazu gehören ein zerklüftetes Gebäudevolumen mit vielen Ecken und Winkeln und ein standesgemässes Schwimmbad aus dem Hobbymarkt. Das ursprüngliche Baujahr wird mit dezenter oranger Farbe geschickt übertüncht. Meisterwerk einer gelungenen Modernisierung.
Rang 7 – Schuhschachteln für Introvertierte

Baujahr 2009
Terrassenhäuser haben aufgrund der Topologie von Grundstücken durchaus ihre Berechtigung. Aber muss es denn gleich so simpel sein, wie diese übereinandergestellten Schuhschachteln mit einem einzigen Fensterausschnitt? Selbst ein Hasenstall hat mehr Fensterfläche. Wenn es nicht schon gebaut wäre, würden wir dieses Terrassenhaus den Architekten zur Überarbeitung zurücksenden.
Rang 6 – schmuckes Landhaus mit Erker

Baujahr 2009
Hier können Sie alles wünschen ausser den Erker, den haben wir vorsorglich fest für Sie eingebaut. Wir dachten, mit Anbruch des 21. Jahrhunderts sei dieser Vertreter des Landhauses vom Aussterben bedroht. Weit gefehlt – im Kanton Aargau gibt es Unternehmen, die sich auf die Realisierung solcher Erkerhäuser spezialisiert haben. Das unterbinden wir und lancieren umgehend die Anti-Erker-Initiative.
Rang 5 – griechischer Wein

Baujahr 1990
Griechischen Wein hatte der Architekt wohl intus und die Akropolis vor Augen als er dieses Haus zeichnete. Die Verbindung der Säulen mit dem hübschen Dachvorsprung und der Dachauskragung ist ein respektabler Zeitzeuge der frühen neunziger Jahre. Die Bewohner sind aus ästhetischer Sicht garantiert schmerzunempfindlich. Eine verdiente Platzierung in den vorderen Rängen.
Rang 4 – tonnenschwere Dachkonstruktion

Baujahr 1999
Sie drückt schwer, die Last dieses Tonnendachs. Und die sehr simple Fassadengestaltung macht die Erscheinung nicht eben attraktiver. Schwerer wiegt jedoch, dass ein ganzes Quartier mit diesem hässlichen Dachlandschaften verunstaltet wurde. Diese Leistung honorieren wir mit dem Podestplatz Nr. 3.
Rang 3 – südländisches Flair

Baujahr 1998
Diese Villa mit südländischem Flair steht nicht in Portugal oder Mexiko sondern in einem eher biederen Agglomerationsort des Kantons Aargau. Türmchen links und Türmchen rechts, beide dienen als Beobachtungsposten und der Verteidigung der Hazienda vor unerwünschten Eindringlingen. Dazwischen der grosszügig angelegte Vorbau, welcher den Ausblick über Ihren grossräumigen Landbesitz freigibt. Wir garantieren, dass dieses Haus auch innen hält, was es aussen verspricht. Mit etwas Klimpergeld und Glück können Sie dieses Objekt der Begierde auch erwerben. Beeilen Sie sich, der Andrang ist gross.
Rang 2 – das Luxusschloss-Turmhaus

Passt Ihnen das mediterrane Konzept von Rang 3 nicht ins Konzept? Dann kann Ihnen geholfen werden. Dieser Luxusvilla modererer Zeit erfreut sich einer ausgezeichneten Lage. Der Turmanbau optimiert die Aussicht auf den Zürichsee und setzt gleichzeitig und gekonnt eine hohe architektonische Messlatte auf rund 7.5 Metern Turmhöhe. Nur etwas toppt den Turm – der Verkaufspreis. Aber wer will bei diesem Traum von einem Luxusdomizil schon knauserig sein?
Rang 1 – Disneyworld oder Neverland?

Baujahr 1991
Auch Michael Jackson hätte seine helle Freude an diesem Haus gehabt. Mit dem Märchenschloss hat sich ein Bauherr Anfang der 1990er Jahre verwirklicht. Die architektonische Gesamtleistung ist derart hoch einzuschätzen, dass wir dieses Haus unangefochten auf den Thron heben. Als Strafe sollten Bauherr und Architekt verpflichtet werden, dieses Haus lebenslang zu bewohnen. Oder besser noch, beide werden verpflichtet, diese ästhetisch über die Schmerzgrenze hinausragende Haus rückzubauen, von Hand, Stein für Stein.
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